Stevie's full of good intentions

Thursday, March 19, 2009

Im Nachlass von David Foster Wallace

fand sich ein Manuskript mit dem Titel "The Pale King". Wie die "Süddeutsche" gestern berichtete (und die "Welt" schon vor über zwei Wochen!), hatte sich Wallace vom eigentlichen Ziel des Schreibens, Welten aufzubauen und lebende Menschen Dinge fühlen zu lassen, verabschiedet. Stattdessen sollte die Langeweile das Schlüsselthema des Romans werden. Die Konzeption hat Wallace wie folgt beschrieben:

"Glück - eine Sekunde für Sekunde gefühlte Freude und Dankbarkeit darüber, am Leben und bei Bewusstsein zu sein - liegt auf der anderen Seite von furchtbarer, furchtbarer Langeweile. Verfolge so aufmerksam wie Du kannst das Langweiligste, was Du Dir vorstellen kannst (Steuererklärung, Golf im Fernsehen), und einen Langeweile, wie Du sie nie für möglich gehalten hast, wird in Wellen über Dich fluten und Dich fast umbringen. Aber wenn Du diesen Wellen standhältst, ist es als würdest Du aus dem Schwarzweiß in die Farbe treten. Wie Wasser nach Tagen in der Wüste. Ein augenblickliches Glück in jedem Atom."

Der Roman spielt nicht umsonst in einem Finanzamt. Es geht um die Formulare 2440 und 2441 und ein paar ähnliche. Wenn es nun um Langeweile und das Finanzamt geht, möchte ich mich durchaus als Experten bezeichnen. Verbringen Sie mal ein paar Wochen in der Bewertungsstelle des Finanzamts Melsungen, dann können Sie mitreden! Stattdessen können Sie auch Herrn Horst Abker zuhören, wenn er Ihnen etwas über die Rücklage für Ersatzbeschaffung erzählt. Das aber nur nebenbei ...

All das hinterlässt auf mich den Eindruck, als habe Wallace durch die tägliche Langeweile hindurch den Weg zum Glück des Sysiphos gesucht - und sei dabei verzweifelt.

Der Sinn des Lebens ist das Leben. Das kann - wenn man in einem Finanzamt arbeitet und sich den ganzen Tag mit depperten Formularen rumschlagen muss - eine harte Erkenntnis sein. Warum wir uns Sysiphos als glücklichen Menschen vorstellen sollen, habe ich nicht verstanden.

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Thursday, February 12, 2009

Heute vor 200 Jahren

wurde Charles Darwin geboren. Das entgeht einem kaum. Außerdem wurde aber auch Abraham Lincoln an ebendiesem Tag, dem 12.2.1809, geboren. Mich erinnert das an den 23.4.1616, den Tag, an dem Shakespeare und Cervantes starben. Nun habe ich allerdings etwas rumrecherchiert und festgestellt, dass es zwar das gleiche Datum war, aber doch nicht der gleiche Tag. In England galt im Jahr 1616 noch der Julianische Kalender und in Spanien bereits der Gregorianische. Somit hat Shakespeare zehn Tage länger gelebt als Cervantes.

Interessant.

Oder nicht?

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Wednesday, November 14, 2007

Dem eigenen Leben auf der Spur

Gestern abend kam ich, mein Fahrrad schiebend, vom Münsteraner Bahnhof. Ich war in Gedanken, als ich links unten von mir eine Stimme hörte: "Kennen Sie sich hier aus?" Ich sah einen im Rollstuhl sitzenden Mann und sagte: "Naja, so einigermaßen". Er suchte die Thalia-Buchhandlung in der Salzstraße. Beschreiben konnte ich den Weg nicht so richtig, deswegen schlug ich vor, dass er einfach neben mir her rollen solle. "Ich bin aber schneller als Sie".

Mein Begleiter erzählte mir, dass er in der Thalia-Buchhandlung lesen würde. Als Schriftsteller wollte er sich aber nicht bezeichnen. Er arbeite bei der DWS.

Als wir dann vor der Buchhandlung standen, sagte er: "Da steht aber Pörtgen Herder". Er wurde aber schon erwartet. Vor der Buchhandlung stand eine Frau und sagte "Jakobsweg?", als sie ihn in seinem Rolli sah. Wir waren also richtig.

Nun ja, wen habe ich getroffen? Herrn Felix Bernhard. Er ist auf dem Jakobsweg nach Santiago gerollt und hat darüber ein Buch geschrieben mit dem Titel "Dem eigenen Leben auf der Spur".

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Tuesday, June 12, 2007

Martin Mosebach

der neue Büchner-Preisträger, soll unter anderem auch über die Eintracht geschrieben haben. Das stand so in der Zeitung.

Allerdings habe ich noch keinen Text von ihm gelesen oder entdecken können. Ich habe jedoch meine Zweifel, ob er wirklich an Eckhard Henscheids Hymne an Bum-Kun Cha oder an Ror Wolfs schöne Texte herankommt ...

Sei es, wie es sei, hier die Hymne auf Bum-Kun Cha (Sie stand auch schon an der Anzeigetafel des Waldstadions):

Hymne auf Bum Kun Cha

Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht,
Die den großen Gedanken vermochte, den
Knaben zu träumen, zu denken - und dann auch zu
Bilden mit den schnellen, beseelten, jauchzenden
Füßen des Jünglings: Flink, flitzend,
Flirrend und flackernd - nicht lange fackelnd,
Doch feuernd und feiernd; den fühlenden Herzen
Frankfurts zur Freude.
Bum Kun Cha! Freund aus dem Osten! Fremdling bist
Du nicht länger - nicht bitt'res Los ist Exil
Dir! Heimat, die zweite, du fandst sie.

Wunderbar ist die Gunst denn des Gottes des
Fußballs. Zwar niemand weiß, wann und von wannen
Er schenket nach Puskas und Pele und Kempes den
Neuen Erwählten - nie doch und nimmer vergißt
Er sein hoffendes Volk. Über Indien hinaus
Und den Ganges spähet sein
forschender Blick, ins ferneste Land, da
Seit Alters Männermut blühet und hoher Sinn.
Tapf'res Korea! Du schenktest uns Cha!

Festlicher klinge mein Saitenspiel! Denn lang
Lieb ich dich, Cha, schon, drei Monde -
Drei Monde schon fällt dein verjüngendes
Licht auf die scheinbar gealterte Eintracht. Wir
Sahen dich erstmals, Lieblicher, gegen Stuttgart,
- und das Herz war bezaubert, verzaubert bald
Gar. Ach! Wie du da Förster, den Holzer,
Versetztest und Martin, den Rammler, so daß selbst
Sie dein Lob dann sangen - wie du dich
Schlängeltest durch die Abwehr - um endlich,
Endlich, kurz nach der Halbzeit, hoch in die
Lüfte dich reckend, die Flanke von Borchers
Nahmst mit der Stirn, der klugen, das
Leder versenktest im rechtesten Toreck - es war
Wie ein Herzkrampf, ein schöner, in Freude und
Ahnendem Jubel in eins.

Am Abendhimmel blühte ein Frühling auf, und
Sein Name war Cha. Die Eintracht aber, jahrlang
Von Klippe
Zu Klippe
Geworfen, glühte mit dir, o mein Trauter, zu
Neuschönem Glanze. Aus dem Schlaf des
Dornröschens erwachte die alte, die beinah
Vergeß'ne Primadonna sehr rasch. Vergessen das Alter
Grabowskis, vergessen der Streit mit dem Trainer.
O neues heilig' Herz der Mannschaft! Uns zur
Erhabenen Lust stürmst du, Schönster, so viel ich
Sah, seither, wie der Vogel des Waldes über die
Wipfel fliegt, schwingst du, Zierer, leichter und
Mühlos und sonder Gewalt dem Tore dich zu, dem
Beschützten - Östling unter Deutschen,
Und ihnen dennoch verwandt in der Seele,
Nah auch in Tordrang und Technik und
Teilung des Raumes in all seiner
Tiefe . . .

Kenntnisreicher Künstler am schwarzweißen Balle!
Der Mann aus Korea allein hat die Präzision deines
Abspiels. Trocken schlägst du die Pässe, den
Kurzpaß sowie auch den raumgreifenden Vetter, den
Steilpaß. Nicht fremd ist dir der
Fallrückzieher, wir sahen's. Du zeigtest, daß
Auch in Asia, dem fernen, bekannt ist der Trick
Mit dem kunstreichen Haken - doch mehr noch
Erstaunen den Gegner die nicht-orthodoxen, die
Tricks, die im Lande noch unbekannt. Freilich,
Nie ähneln sie je doch der Tücke des Panthers,
Nie schielet Verschlagenheit Asiens durch -

Fair play ist Bum Kun Chas Religion!

Ach, abermals weiden die Augen auf dir! Hurtig
Treibst du das Leder nach links, kühner umkurvst
Du den grätschenden Stopper, zaubernden Fußes
Entläßt du den Lib'ro in Scham. Leichthin,
Euphorion erinnernd, vergleichbar auch durchaus
Der zarten Gazelle, dribbelst du torwärts und
Spannst doch den Fußnerv alljetzt schon zur Bombe -
Denn kaum hinkt die Macht deines Schusses der
Pracht nach Bernd Nickels, genannt "Dr. Hammer":
Dem du, so liest man, längst Brücken der
Freundschaft gebaut hast, auch menschlich . . .
Herzschöner Mann! Flutlichtumschwärmt auf den
Flügeln der Flanke, jetzt plötzlich der rechten,
Füllhorn der Technik, Fülle des Seins!
Samtschwarzen Seraphkopfs sehr schönen Scheins!
Seht nur den Doppelpaß jetzo mit Nachtweih und
"Holz"! Tripelpaß ewiger Klarheit!
Genius des Ostens! Sel'ges Korea!

Ein Flankengott jener Abramczik? Da lachen die
Gütter des alten Olymp! Sie lachen Schorsch
Volkerts und
Lächeln ob jenem, der, unrhythmisch seltsam,
Rummenigge sich nennt! Wer kennt Okudera? Cha
Aber - ob er nun "Cha Bum Kun" heißt, so wie die
"Frankfurter Rundschau" es will; oder doch
"Bum Kun Cha", wie die FAZ ihn besingt; oder
"Tscha Bum", wie "Bild" ihn begrüßte - dich,
Cha, kennt Deutschland, kennt Asien, die Welt so und so - - -
Ew'ges Korea!

Im Winde klirret die Fahne zum Eckstoß. Gefahrstufe
Eins. Anläuft Cha Bum, herrlich die Flank' in die
Fluten der Zeit! Schon steht Cha Bum wieder nah
Dem Elfmeter, lauert des Zuspiels, hilft
Hinten aus. Schneisen schlägt er in Spielfeldmitte,
Schleusen öffnet sein schneller Fuß: Sammelnd der
Gegenwart hohes Vergang'nes, einend die Künste
Grabowskis mit denen des Pfaff, Kressens gedenkend
Und eingedenk Sztanis. Fußball berückend - und
Rührend selbst Toni, den treuedlen Zeugwart, der
Dir, Cha, im Air-Bus von Braunschweig nach
Frankfurt die Wange gar küßte; so stand's in der "Rundschau" . . .
Geh' unter, HSV! Trunken dämmerte die
Seele selbst dir (3 : 2)!

Ja, in den Ozean all deiner Tricks will ich mich
Stürzen, Bum, sturztrunken einfallen laut in die
Chöre des Jubels, Sohn einer fußballträumenden
Mutter. Anbeten will ich - gleich dir, der du
Betest vor Spielbeginn und auch während des
Kampfs "ständig vertieft bist im Gebet", wie
Wieder die "Rundschau" weiß. Anbeten will ich,
Singen dein Lob all mein Lebtag und
Endlich, wenn's gut geht, warte nur balde,
Berückt in Verzückung unendlicher Schöne vergeh'n - - -

Nur, Bum, daß du, folgt man einem Bericht in
der FAZ, nach deiner Aktiven-Laufbahn Deutsche
Predigend zu Gott bekehren willst, das, Bum,
Muß ja wohl nicht sein.

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Saturday, March 10, 2007

Gerhardt und Gernhardt - zwei große deutsche Dichter

Wenn Menschen so lange leben würden, wäre Paul Gerhardt in diesem Jahr 400 Jahre alt geworden. Paul Gerhardt war ein sehr verdienstvoller Mann und hat insbesondere den protestantischen Teil der Menschheit mit vielen wunderschönen Liedern beschenkt ("Tut mir auf die schöne Pforte/führt in Gottes Haus mich ein/Ach, wie wird an diesem Orte/meine Seele fröhlich sein/Hier ist Gottes Angesicht/ hier ist lauter Trost und Licht").

Unvermuteterweise taucht nun Robert Gernhardt im Schlepptau von Paul Gerhardt auf. Das liegt nicht nur an der Namensähnlichkeit, sondern auch daran, dass Robert Gernhardt während seiner Chemotherapie Paul Gerhardt las und umdichtete. Das hörte sich dann so an:

"Geh aus mein Herz und suche Leid
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben
Schau an der schönen Gifte Zier
und siehe, wie sie hier und mir
sich aufgereihet haben.

Mensch, Robert, alte Heckenschere ! Hast Du daran gedacht, dass der Gerhardt in diesem Jahr 400 geworden wär ? Und Du dann immer ganz nah dabei ?

Ich wüsste gern mal, wie man in so ca. 200 Jahren von dem Herrn Gerhardt und dem Herrn Gernhardt denkt.

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Thursday, February 22, 2007

Die Übersetzung von "Zettels Traum"

Vor ein paar Tagen, als Alexander Kluge seinen 75. Geburtstag feierte, gab es auch ein Post von Fanny. Da wurde mir bewusst, dass einige von Kluges Werken ins Englische übersetzt worden sind (und wahrscheinlich auch noch in andere Sprachen). Warum auch nicht? Schließlich ist er einer der wichtigsten Autoren einer großen Kulturnation!

Über die - wie Kluge sagen würde - Relaisstation "Finnegans Wake" kamen wir gemeinsam zu der Frage, ob es denn eine Übersetzung von "Zettels Traum" gebe. Siehe da: This is the case! Die Übersetzung hat den Titel "Bottom's dream" und ist von John E. Woods. Ich fragte mich allerdings gleich, ob dies der Doppelbödigkeit des Titels gerecht würde.

Sei es wie es sei: Ich bin finster entschlossen, den "Traum" zu lesen. "Finnegans Wake" kann ich nicht lesen. Aber den "Traum". Dies wiederum können nur verhältnismäßig wenige. Er liegt schon oben neben meinem Bett.

Ach, noch was: Wenn Sie die Themen "Finnegans Wake" und Arno Schmidt interessieren:
http://www.literatur-live.de/salon/joyce.htm

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Sunday, January 28, 2007

"Tür an Tür mit einem anderen Leben" und "Die Lücke, die der Teufel lässt"

In den letzten Jahren hat Alexander Kluge "Tür an Tür mit einem anderen Leben" und "Die Lücke, die der Teufel lässt" veröffentlicht.

Inhalt dieser Bücher sind Sammlungen von Geschichten. Aber was für welche ! Kluge liefert keine abgeschlossenen, "runden" Geschichten, sondern nur das Rohmaterial. Seine Geschichten sind Anstöße und Anregungen, selbst weiterzudenken. Teilweise wird das noch forciert, indem nach der Geschichte ein aufgezeichneter Dialog folgt (wer ihn führt, bleibt unklar).

Und erst die Themen ! Es ist eine wahre Fundgrube im Vergleich zu dem Schrott, den man sonst immer vorgesetzt bekommt ! Mir gefallen z.B. die "Lokomotiven im Weltbrand" sehr gut. Da beschreibt er u.a. wie während des 1. Weltkriegs zwei Eisenbahnunglücke stattfinden. Die Zahl der Opfer ist gering im Vergleich zu den Gefallenen an der Front. Dennoch wurden beide Unfälle weit mehr beachtet.

Natürlich sind es viele "Kluge-Themen": Revolution, Krieg. Und auch sehr persönliche Themen (seine Geburtsstadt Halberstadt am Harz, sein Vater): Aber auch das kann sehr interessant sein, wenn er z.B. überlegt, wie sein Vater an einem Abend im Jahre 1932 zufällig Walter Benjamin getroffen hätte.

Also: Wenn Sie einmal ein paar richtig interessante Texte lesen wollen und Lust haben, selbst weiterzudenken ...

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Friday, June 30, 2006

Zum Tod meines Lieblingsdichters

Es ist hart, aber wohl leider unvermeidlich: Ich muss mein Blog mit einem Nachruf auf meinen Lieblingsdichter eröffnen. Soeben habe ich erfahren, dass Robert Gernhardt gestorben ist.

Zum ersten Mal bin ich vor ca. 25 Jahren auf ihn aufmerksam geworden. Seitdem begleitete er mich mit seinen Gedichten, Karikaturen, Essays und Bildern. Seit einigen Jahren war deutlich zu merken, dass es auch Gernhardt nicht einfach hatte: Der Tod seiner Frau Almut, die Herzerkrankung, die Krebserkrankung. Ich habe es sehr bewundert, wie Gernhardt mit diesen Schicksalsschlägen umgegangen ist, wie er Gedichte über seinen Umgang mit seiner Krankheit schrieb.

Am besten gefallen haben mir Gernhardts Essays: "Glück Glanz Ruhm" oder "Gedanken zum Gedicht". Aber wenn ich es mir recht überlege, ist mein Kopf voll mit Gernhardts tief- und hintersinnigen Versen.

Mach's gut, Robert. Danke für alles.

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